London

Seit wann darf denn der niedlichste überleben?

Das Einzige, was mich am Reisen mit meiner Tochter nervt, ist der Moment, in dem Eichhörnchen auftauchen, die sich füttern lassen. Denn dann ist die Reise vorbei. Dann werden nur noch Eichhörnchen gefüttert.
So einem Kind ist es ja egal, dass um die Ecke eine Kirche steht, in der ein Gemälde hängt, auf dem etwas drauf ist, was mal in einem alten Buch stand. Wir sind im St. James’s Park in London. Der Park gehört zu den königlichen Parks, und das merkt man auch ein bisschen: Er rülpst nicht, und die Bäume haben besonders schöne Kronen.

Überall hüpfen Grauhörnchen herum, sie sind wie Eichhörnchen, sie sind bloß nicht »eich« (ein kräftiger Rotton), sondern grau.
»Oh, wie sweet sind die denn!«, ruft das Kind, als die kleinen Racker über den englischen Rasen moven, sie boingsten, verharren, schnipsen hinfort, krawanstern die Bäume hoch und ullern frech durch das Herbstlaub.
»Ach, sweet, na ja«, brummel ich. »Wollen wir nicht zum Buckingham Palace? Da stehen diese Wachen, die haben Bärenfellmützen auf.«
Kind ist entsetzt »Bärenfell? Die armen Bären.«

»Soll ich dir mal was über die Grauhörnchen sagen?«, flüstere ich. »Die haben hier alle Eichhörnchen verdrängt. Solche sind das nämlich. Da sind ein paar Bärenfellmützen gar nichts dagegen. Die haben hier alle, alle Eichhörnchen verdrängt, verhungern lassen, ausgelacht. Vielleicht haben sie sich Eichhörnchenmützen gemacht.«
Das Kind fühlt sofort, dass ich nicht recht haben darf, denn erstens bin ich die Mutter, und zweitens sie das Kind. Am besten ist es immer, man schlägt die Mutter mit den eigenen Argumenten, ha, da sieht sie dann alt aus. »Du hast gesagt, dass man Fremde willkommen heißen soll.«
»Jaaaa«, sage ich gedehnt. Da ist das »Aber« schon mit drin. Waren die Grauhörnchen auf der Flucht vor etwas? Waren es Wirtschaftseichhörnchen aus sicheren Ländern? Dürfen Grauhörnchen nicht leben, wo sie wollen? Dürfen niedliche Emigranten den kleineren Einheimischen alle Nüsse wegessen? Wenn dieser Vergleich funktionieren würde, müsste dann PEGIDA das Eichhörnchen als Wappentier haben?
Das Kind hat noch ein weiteres Argument erfühlt. Zack, da hat es das in seinem kleinen Bubberherzchen gefunden: »Aber die Grauhörnchen sind ja auch viel niedlicher.«
»Als die Palastwachen? Das wirst du in ein paar Jahren vielleicht schon ganz anders sehen. Oder als die Bären?«
Kind schüttelt Kopf. »Als die Eichhörnchen.«
»Seit wann darf denn der Niedlichste überleben? Das heißt Nahrungskette und nicht Niedlichkette.« Man stelle sich das mal vor: der Kulleräugigste, Stupsnäsigste, Wuschepuscheligste würde nie gefressen werden, weil das Raubtier es nicht übers Herz brächte hineinzubeißen. Am Ende stünde eine Welt voller Grauhörnchen.
»Komm, wir fahren ein bisschen in London rum. Mit so einem schönen roten Bus«, versuche ich erneut, das Kind von den Hörnchen zu lösen.
»Gibt’s auch graue Busse?«, fragt das Kind. »Verdrängen die dann die roten Busse?«
Wir kichern ein bisschen, aber dann wird Klartext geredet.
»Gib mir Nüsse!«, sagt das Kind. »Please!«, setzt es nach, denn ich habe dem Kind gesagt, dass es sich in England anders als zu Hause gut benehmen soll, also gut. Irgendetwas zwischen artig und brav. Bratig. Die haben eine Königin in England, habe ich dem Kind gesagt, und da benimmt man sich eben. Das leuchtete dem Kind ein, und es wischt sich in England nach dem Essen nicht den Mund mit dem Ärmel ab, sondern mit der Hand und die Hand dann unterm Tisch an der Hose.
Das Kind taxiert mich kulleräugig, stupsnäsig und auch etwas wuschepuschelig. Ehrlich, ich würde es nicht fressen.
Ich gebe dem Kind eine große Tüte Erdnüsse, denn ich verreise nicht mehr ohne Nüsse.
»Sank you!«
»You’r welcome.«
Die Vokabeln hat sie drauf. Ich bringe ihr schnell noch eine neue bei. Squirrel. Das Wort kann man eigentlich als Deutscher nur nach schweren Getränken aussprechen oder nach einer Zungenerfrierung. Hüpfhüpfhüpf, ist das Kind im Park verschwunden.
Ich lege mich auf einen Liegestuhl. Es ist ein Wetter, als säße ich in einer Werbekampagne, die versucht, den Herbst zur beliebtesten Jahreszeit zu puschen. Der Slogan ist »Sommer ist nur Herbst für Nudisten«.

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»Dis is my Quirl!«, höre ich von Weitem. »Please!«
Das englische Mädchen zieht sich mit seinen Nüssen zurück. Deutsche Kinder verdrängen englische Kinder aus den Parks.

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