Kann man sich vor einer Spritze unterm Tisch verstecken?

Das Wort Tropeninstitut öffnet in meinem Kopf ein paar naheliegende Türen und zerrt alles aus dem Kostümfundus, was khakifarben ist. Dann sucht es sich Gesichter, die es tropeninstituttauglich findet: Frau Puppendoktor Pille mit der großen runden Brille und Klaus Kinski. Warum Kinski? Egal, er soll die khakifarbenen Sachen anziehen. Er regt sich auf, du Sau du, sagt er zu mir, du denkst wohl, weil ich in deinem Kopf bin, ziehe ich diese Sachen an?
Ich feuere ihn. („Ja, schmeißt mich ruhig raus, wenn du nicht weiter weißt, du blöde Sau!“)

Mein Kind soll eine Spritze bekommen. Vielleicht ist da Kinski nicht hilfreich.

 

Frau Puppendoktor Pille zieht ohne zu murren die khakifarbene Hose mit Taschen an, die khakifarbene Bluse mit Taschen, den Gürtel aus Schlangenleder und setzt sie den großen Helm auf, khakifarben ohne Taschen. In den Fluren wuchern Palmen, Papageien flattern auf bei jedem Schrei eines Impfpatienten. Eine Vogelspinne an der Wand. Ein Affe sitzt auf dem Nummernautomat und angelt nach den Nummern.
Schade, dass das Wort Tropeninstitut nie wieder so eine schöne bunter Phantasterei hervorrufen wird, denn nun war ich ja da. Was soll ich sagen? Mickrige Topfpflanze, nur kleine Spinnen, soweit wie ich das beurteilen kann.
Das Kind hat den ganzen Weg schon Ujuijui-Geräusche gemacht und geschnauft. Da braucht man eigentlich nicht zu fragen, muss man aber als Mutter trotzdem.
Was hast du denn?
Angst.
Aha.
Muss du nicht.
Hab ich aber.
Es gilt ein Formular auszufüllen, auf welchem erfragt wird, wann ich wohin reisen möchte. Da lache ich ein klitzekleines bisschen. Als ob ich genau wüsste, wann ich wohin reise. Das weiß man dort erst hinterher, wenn man ich ist.

Na, gut, ich behaupte mal Frühling Afrika, Winter Indien. Kann so falsch nicht sein.

 

Eine Zehn-Minuten-Beratung kostet nichts. Ab elf Minuten wirds teuer. Wir brauchen länger: vielleicht fahren wir hierhin, vielleicht dahin, mal sehen.
Die Frau, die tatsächlich aussieht wie Frau Puppendoktor Pille, rät von fast allem ab. Vom Spritzen und sogar auch ein bisschen vom Reisen, zumindest dahin, wo es die entsprechenden Krankheiten gibt. Im Grunde rät sie uns, uns nicht zu infizieren. Da hat sie natürlich Recht.
Hepatitis A müsste aber sein und das erledigen wir auch gleich.
Wer will als erstes?
Erst will das Kind. Dann nicht und dann gar nicht mehr. Also gar nicht gar nicht.
Das verrückte an ihr ist, dass sie entweder total mutig ist oder total ängstlich. Da gibt es nichts dazwischen. Sie ist kein Dimmer. Sie ist ein Kippschalter. Und eine Spritze will sie nicht, nicht nach Indien und nicht nach Afrika. Neinnein. Sie ballt sich auf meinem Schoß zusammen und dann kriecht sie bei der Ärztin unter den Tisch.

Wie ich das finde?
a) Ich bin sauer.
b) Es ist mir peinlich.
c) Sie tut mir leid.
d) Ich finde es lustig.
Zwei Sachen davon.
Ich mag diese Situationen nicht, diese Situationen, wo man das Kind nicht überredet bekommt und sich eben durchsetzt. Einem ganz kleinen, hungrigen Kind versuchen, die Brust zu geben und es klappt nicht. Damit fängt es ja an. Einem Kind, ein halbes Jahr alt, sehr viel anziehen, weil es draußen kalt ist. Gehampel, Gezappel, Geschrei. Einer Einjährigen die Haare waschen und denken: „Oh, Gott, was habe ich getan? Was bin ich für eine schlimme Mutter? Ich habe ihr die Haare gewaschen! Mit der Dusche. Oh, Gott!“
Einer Eineinhalbjährigen mit dem Sauger den Rotz aus der Nase saugen.
Einer Zweijährigen ein Zäpfchen geben.

Von anderen Grausamkeiten mal abgesehen: von Spielplätzen nach Hause gehen, föhnen, sie zwingen im Bus zu sitzen, einen Fahrradhelm aufsetzen, die Banane falsch schneiden, das Plüschtier in die Waschmaschine stecken.

Am Ende hat sie eine Spritze. Ich habe geschwitzt.
Den ganzen Heimweg reden wir darüber. Was ist Angst? Was will sie?
Aber nicht nur die Angst hat ihr geraten, so ein Theater zu veranstalten und unter den Tisch zu kriechen, auch Kindergartenfreundin Emily habe gesagt, dass Spritzen weh tun.

Wir spielen: Auf wen hörst du?

Wenn es brennt
a) Auf die Feuerwehr.
b) Auf die Nachbarn.
c) Auf Mama.
d) Auf Emily.

Bei Zahnschmerzen
a) Auf Oma
b) Auf Mama
c) Auf den Hund
d) Auf Emily

Überhaupt stellen wir fest, dass sie sich wie der Hund verhalten hat, der auch bei Angst immer unter den Tisch kriecht. Er denkt, dass er dort vor Gewitter und Feuerwerk sicher ist.
Ich erzähle dem Kind, wie ich den Hund beim Tierarzt auch immer so festhalten muss. Davon wird die doofe Erfahrung im Tropeninstitut besser. Ich bin ein bisschen ihre Vernunft, bis sie es selber hinbekommt. Bald haben wir beide das Theater vergessen. Manchmal sagen wir: „Kriech doch unter den Tisch!“, wenn einer Angst hat.

Der nächsten Impftermin wird beim Kinderarzt erledigt, und das Kind bekommt viel Lob dafür, wie tapfer es ist.
Sie ist total entspannt und danach stolz.
Darüber bin ich immer wieder verblüfft: Wie ein Kind eines Tages auf einmal seine Haare selber wäscht, als wäre nichts dabei.
In meiner Familie wird dann von jeher gemurmelt: „Vielleicht wird ja doch noch ein Mensch draus.“